Tom Hillenbrand

Lieferdienst

 

2024

   

 

  

 

 

 

Kiepenheuer & Witsch

192 Seiten



 

Mit "Lieferdienst" liefert (haha) Hillenbrand mal wieder einen lupenreinen SF-Roman ab, der knackig-kurz und dabei entsprechend temporeich ist. Das ist sogar wörtlich zu nehmen, denn es geht in der Geschichte um möglichst schnelles Ausliefern von Waren aller Art, wobei die Lieferanten auf High Tech - Hoverboards durch den Luftraum brettern. Da sind waghalsige Manöver und spektakuläre Stunts natürlich vorprogrammiert.

 

Im zukünftigen Neu-Berlin dieses Romans verhält es sich nämlich so, dass Kundenbestellungen immer an sämtliche Lieferfirmen gleichzeitig rausgeschickt werden. Diese können die Produkte per 3D-Drucker kurzerhand selbst herstellen und dann geht es darum, wer am schnellsten ist und zuerst beim Empfänger abliefert. Dadurch entbrennt ein knallharter Konkurrenzkampf zwischen den verschiedenen Anbietern, und wie es im Turbokapitalismus nun mal so ist, haben Großkonzerne dabei natürlich ganz andere Möglichkeiten und Ressourcen als kleinere "Mitbewerber".

Die hier beschriebene Zukunft ist nicht so detailliert und vielschichtig aufgebaut wie z.B. in Hillenbrands "Hologrammatica", aber in der Kürze der Zeit erfährt man doch alle Hintergründe, die für die Geschichte wichtig sind und die Welt lebendig werden lassen.

 

Das Ganze ist zweifellos vor allem als Kritik an Konsumwahn und Wegwerfgesellschaft zu verstehen, aber nicht zuletzt auch als bissige Satire auf die moderne Business-Welt. Diese Lieferdienste sind so richtig schön als jung-moderne, pseudo-coole und dabei aber eben doch straff organisierte Firmen beschrieben - ganz so, wie das von Unternehmensberatungen des 21. Jahrhunderts eben propagiert wird. Alle Angestellten werden mit wichtig klingenden Titeln oder Auszeichnungen versehen (Delivarator 2nd Class Max Streit, Master Courier Sveta Lenkov o.ä.) und können natürlich durch Über-Erfüllung ihrer Ergebnisse und Kennzahlen immer noch zusätzliche Dienstgrade erwerben. Die ganze Zeit wird mit Pseudo-Business-Gelaber um sich geworfen, alles ist mit Silicon-Valley-Attitüde und Firmen-Parolen durchsetzt, die "Visionen & Werte" des eigenen Unternehmens werden gebetsmühlenartig heruntergeleiert ...

Wer noch nie in entsprechendem Umfeld gearbeitet hat, hat vermutlich nur halb so viel Spaß (weil Wiedererkennungswert) daran. Aber wer selbst schon mal aus eigener Erfahrung Einblicke in solche McKinsey-geschädigten... ähm, pardon... optimierten(!) Unternehmen erhalten hat, kann sich hier einfach nur königlich amüsieren. (Es sei denn, man gehört zu jenen, die das nicht lächerlich finden, sondern ernst nehmen - das sind aber erfahrungsgemäß nur sehr wenige.)

Angestellte mit entsprechend leidvollen Erfahrungen werden hier garantiert an eigene Erlebnisse erinnert, so wunderbar ist es auf den Punkt gebracht!

 

Und wenn inmitten von all diesem Denglisch-Big-Business-Bullshitbingo der Protagonist dann plötzlich eine "Curry Bulette mit Schrippe" bestellt (Schärfegrad "Torquemada"), dann wird dieser Kontrast zwischen Wichtigtuerei und echtem Leben nochmal sehr schön deutlich.

 

Aber damit kein falscher Eindruck entsteht: Neben all der Satire und Gesellschaftskritik kommt auch eine spannende und gut durchdachte Handlung nicht zu kurz, schließlich gibt es mysteriöse Verbrechen aufzuklären und geheimnisvolle Hintergründe aufzudecken.

 

Das Ende des (Kurz-)Romans kommt dann allerdings leider ein bisschen zu plötzlich, oder anders ausgedrückt: es hätte gerne noch weitergehen können. Die Handlung hätte es auf jeden Fall hergegeben; genau genommen steckt da so eine gewaltige Welt dahinter, dass es eigentlich jetzt erst so richtig losgehen könnte. Wer weiß - vielleicht plant Herr Hillenbrand da ja noch etwas. Die Vorfreude darauf wäre auf jeden Fall groß!

 


Tom Hillenbrand

Lieferdienst

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